Was tun, wenn die kapitalistischen Geier die Leber rausreißen?

 

Gespräch mit dem Regisseur und ver.di-Mitglied Gregor Leschig über die unsichtbaren Kräfte des Arbeitsmarktes, die Verbindung von Gewerkschaft und Theater und sein neuestes Werk, das Mysterienspiel ‚Play Sisyphos’.

Gregor Leschig ist Regisseur und Kulturmanager, Mitglied des Ausschusses für Kulturpolitik in ver.di NRW, Gründer und Leiter der Schauspiel-Initiative ‚Bin ich Arbeit?’

Die Gewerkschaft und das Theater – 60 Jahre nach Bertolt Brecht, nach Agit-Prop und den – wie es den Eindruck hat – politisch undefinierten Ruhrfestspielen – grooved das noch?

Ja, das grooved! Auch wenn es nicht von allen Seiten bemerkt wird. Viele Künstler setzen sich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen in der heutigen hoch arbeitsteiligen und extrem beanspruchenden Arbeitsgesellschaft auseinander. Wir selbst sind ja seit 2007 mit unserer Initiative ‚Bin ich Arbeit?’ unterwegs. Auch wenn wir von ver.di dabei maßgeblich unterstützt wurden – den Gewerkschaften würde ich manchmal mehr Mut zum Unkonventionellen wünschen. Warum nicht mal ein schräges Theaterstück präsentieren? Das macht attraktiv für junge Menschen. Da könnten auch die Ruhrfestspiele noch nachlegen.

Bin ich Arbeit?’ – was kann man sich unter dieser Initiative vorstellen?

‚Bin ich Arbeit? gibt den Menschen, die von den Veränderungen der Arbeitsmärkte betroffen sind, eine Stimme auf dem Theater. Dazu haben wir sehr viele Interviews mit Kolleginnen und Kollegen geführt. Aus den Gesprächen haben wir dann Theaterstücke geformt, die in ganz NRW zu sehen sind. Die Frage ‚Bin ich Arbeit?’ zielt auf einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen ab. Werden wir nur über die Arbeit definiert? Und was ist, wenn wir keine entlohnte Arbeit mehr haben? Sind wir dann keine Menschen mehr? Wir suchen individuelle Antworten, die beispielhaft für Andere sein können. Wir, das sind der Schauspieler und Regisseur Ulrich Penquitt, die Schauspielerin Leonore Franckenstein und ich selbst als Regisseur und Kulturmanager – alle drei Mitglieder in ver.di.

Und das Unkonventionelle – das gibt es jetzt in Köln und Dortmund zu sehen?

Play Sisyphos ist ein spannendes Mysterienspiel, eine Art Mystery-Thriller. Die Protagonistin Marga will Sisyphos vom fortlaufenden Steinerollen abbringen. Dann, so ihre Meinung, ist die Menschheit von der Geißel Arbeit befreit. Um Sisyphos zu finden begibt sie sich mit einem geheimnisvollen Begleiter in die Unterwelt. Das geheimnisvolle Spiel beginnt.

Ist Arbeit nur eine Geißel?

Sicher nicht. Und das ist der Erkenntnisweg, den Marga in der Unterwelt durchläuft. Sie trifft auf die personifizierte Arbeit selbst, den Alkohol, Zeit und Geld, die um das rechte Maß zueinander ringen, einen KPD’ler aus den Siebzigern, die Kölner Heinzelmännchen, den Müßiggang, die Gier, einen ganzen Arbeiterchor und schließlich auch auf Sisyphos selbst. Alle versuchen Marga bei ihrem Ausflug in die Unterwelt wieder auf die rechte Arbeitsspur zu bringen. Aber was ist im Jenseits schon richtig? Und was im Diesseits? Das muss Marga selbst herausfinden.

Das klingt nach einem unentdeckten Spätwerk von Bertolt Brecht? Wie ist das Stück entstanden?

Nein, da gibt es leider nichts mehr zu entdecken. Das Stück ist auf der Grundlage unseres ‚Bin ich Arbeit?’- Verständnisses entstanden. In offenen Theater-Workshops – den kathartischen Räumen – konnten sich Interessierte mit ihren Arbeitserfahrungen und Vorstellungen zur Welt der Arbeit einbringen. Mit diesen persönlichen Einbringungen haben wir fleißig improvisiert: Was ich ‚meiner’ Arbeit schon immer sagen wollte, wie ich mir Sisyphos heute vorstelle und was ich ihm sagen würde. Wir haben ein ‚Kraft mal Weg Ballett’ erfunden (die physikalische Definition von Arbeit), die Gier erschien, um einen Bestatter zu schrägen Geschäften zu verleiten, der ‚Rote Fahne’-Verkäufer diskutierte die Weltrevolution und so weiter und so fort. Am Ende hatten wir viele sehr unterschiedliche Szenen, die dann die Stationen auf Margas Reise durch die Unterwelt ergeben haben.

Und warum ein Mysterienspiel?

Im mittelalterlichen Mysterienspiel hat man versucht die Kräfte sichtbar zu machen, die das individuelle Leben bestimmen, die aber nicht sichtbar sind: Der Tod, die Gier, der Neid, die Güte, die Pest, Gott persönlich, Satan, die Barmherzigkeit und so weiter. Das sollte helfen, das Leben auf Erden verständlicher zu machen und Orientierung zu geben. Play Sisyphos als Mysterienspiel macht die Kräfte sichtbar – innere und äußere -, die unsere Arbeitswelten bestimmen, aber trotz unserer aufgeklärten Zeiten noch immer nicht sichtbar sind.

Abgesehen von der Spannung einer mysteriösen Reise in den Hades: Warum sollte man sich das Stück anschauen?

Es ist eine unterhaltende und spannende Form, seine eigene Arbeitswirklichkeit zu reflektieren. Die Fragen, die sich Marga stellt, stellen sich sicher auch viele andere: Passt meine Arbeit zu mir? Hilft sie mir bei meiner persönlichen Entwicklung? Gibt sie mir Kraft? Raubt sie mir Kraft? Wie kann ich sie passend für mich machen? Es sind eigentlich die gleichen Fragen, die schon Wilhelm Liebknecht bewegten, als er zu seiner Aussage kam, dass wir nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben. Und die auf eine ganzheitliche Entwicklung des Menschen – auch durch die Arbeit – abzielten.

Das Stück macht also auch Mut?

Ja, auf jeden Fall. Es macht Mut seinen eigenen ‚Arbeitsweg’ zu gehen und die Dinge auch mit Humor und Distanz zu sehen. Play Sisyphos will nicht mehr wissen, als jeder selbst schon weiß und spürt. Aber Anregungen kann es geben und Verborgenes sichtbar machen. Vielleicht ist ja schon viel gewonnen, wenn wir das ganze Thema ‚Arbeit’ selbstbewusster und mit weniger Angst angehen. Da ist Marga sicher eine Vorreiterin. Wer versucht schon, Sisyphos vom Steine rollen abzubringen? Da hat man doch gleich Angst, dass einem die kapitalistischen Geier die Leber wegfressen. Aber so schnell geht das nicht. Und wer weiß eigentlich, wie lange Sisyphos Pause macht, bevor er den Stein wieder den Berg hinauf rollt? Und was er in der Pause macht? Ein paar Antworten dazu gibt es im Stück. Wir freuen uns über alle Kolleginnen und Kollegen, die vorbeischauen und anschließend gerne auch mit uns ins Gespräch kommen.

 

Aufführungen von Play Sisyphos:

Donnerstag, 14. Mai 2015, 20:00 h, Comedia-Theater, Vondelstraße 4-8, 50677 Köln

VVK/AK 15.- €, erm. 12.- €, ver.di-Mitglieder: 10.- € // Tickets: http://2015.sommerblut.de/gregor-leschig-inszenierungen/

Samstag, 16. Mai, 20:00 h, Theater im Depot, Immermannstraße 29, 44147 Dortmund

VVK: 13.- € / 8.- € // AK: 15.- € / 10.- €, ver.di-Mitglieder: 8.- € // www.depotdortmund.de

Veranstaltungsreihe „Geld und Arbeit“

 

(Bild (c) Bernd Arnold)